Samstag, 23. Januar 2016
Freitag, 22. Januar 2016
George Mead: Das ICH und das Ich
In dem
Kapitel „Die Beiträge des ‚ICH‘ und des ‚Ich‘“ aus George Herbert Meads „Geist,
Identität und Gesellschaft“ definiert der Autor diese beiden Begriffe als
verschiedene Bestandteile der Identität eines Menschen.
Merkmale
des „ICH“
- Mitglied in einer gesellschaftlichen Gruppe
- reagiert
auf die organisierten Haltungen der anderen, die wir als gegeben ansehen und
die in der Folge unser eigenes Verhalten bestimmen
-> Konventionen, gesellschaftliche Kontrolle (Werte der Gesellschaft = Werte des ICH) - gibt dem „Ich“ die Form / bestimmt den Ausdruck des „Ich“ /zensiert das „Ich“
- kann allerdings auch durch die Situation bestimmt werden -> weniger Kontrolle (z.B. bei gewalttätigem Ausdruck zur Selbstbehauptung)
Merkmale
des „Ich“
- Impulsives, unkontrolliertes Verhalten und spontanes Handeln
- Innovation
- Forderung nach Unkonventionellem (-> z.B. Ausdruck in der modernen Kunst)
- Kann das „ICH“ dominieren, wenn durch Druck Grenzen überschritten werden (z.B. bei gewalttätigem Ausdruck zur Selbstbehauptung)
Diese beiden Phasen der Identität stehen sich also gegenüber und können in ihrem wechselseitigen Verhältnis Spannung erzeugen. Ein Existieren der Identität wäre allerdings ohne die jeweils andere nicht möglich.
Im Normalfall funktionieren sie gemeinsam und sorgen für einen Ausgleich: der Einzelne findet sich in einer Situation, die von einem konventionell geprägten Rahmen bestimmt wird; durch das „ICH“ hält es zwar diese Grenzen ein, durch das „Ich“ fügt es aber individuelle Handlungen ein, was seine eigene Identität in der Gesellschaft bestimmt und dieser Ausdruck verleiht. Das ist dann möglich, wenn ein Mensch in einer Situation selbstständig handeln kann, wenn er Verantwortung übernehmen und Dinge auf seine persönliche Weise verwirklichen kann, wenn er also mehr als nur „ICH“ sein kann. Besonders befriedigt ist man dabei, wenn das „ICH“ den impulsiven Ausdruck des „Ich“ sogar unterstützt statt begrenzt.
Zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft, in der er lebt, besteht so immer eine wechselseitige Beziehung, da die beiden Entitäten sich gegenseitig prägen – ein Individuum passt sich an seine Umwelt an, beeinflusst durch seine Veränderung aber gleichzeitig die Welt, in der er lebt (entweder positiv, z.B. durch Führerpersönlichkeiten wie große Künstler oder religiöse Führer, die eine Gemeinschaft in hohem Maß bereichern und erweitern können, oder negativ, z.B. bei einem gewaltvollen Mob, wenn die Reaktion des „Ich“ den gesellschaftlichen Zustand verschlechtert).
Literatur:
Mead, George Herbert: "Die Beiträge des "ICH" und des "Ich""; "Die gesellschaftliche Kreativität der Identität". In: Charles W. Morris (Hg.): Geist, Identität und Gesellschaft. Aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt 1968. S. 253-266).
Mead, George Herbert: "Die Beiträge des "ICH" und des "Ich""; "Die gesellschaftliche Kreativität der Identität". In: Charles W. Morris (Hg.): Geist, Identität und Gesellschaft. Aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt 1968. S. 253-266).
Donnerstag, 10. Dezember 2015
Marcel Mauss: Die Gabe
Mauss untersucht in seinem Text das soziale Phänomen des
Austauschs von Gaben in archaischen Gesellschaften.
Dabei stellt er zunächst fest, dass frühere Wirtschafts- und
Rechtsordnungen fast ausschließlich den Austausch zwischen Kollektiven, z.B.
ganzen Clans oder Stämmen, betreffen, oft geschieht er durch Vermittlung ihrer Häuptlinge. Bei den Gütern geht es seltener um
materielle Reichtümer, sondern vielmehr
um Höflichkeiten, Rituale, Feste und Ähnliches.
Solche Leistungen und Gegenleistungen werden in einer freiwillig erscheinenden Form gebracht, also als eine Art Geschenk, dabei sind sie meist vorgeschrieben und verpflichtend.
All das wird unter dem Begriff System der totalen Leistungen zusammengefasst.
Solche Leistungen und Gegenleistungen werden in einer freiwillig erscheinenden Form gebracht, also als eine Art Geschenk, dabei sind sie meist vorgeschrieben und verpflichtend.
All das wird unter dem Begriff System der totalen Leistungen zusammengefasst.
Eine totale Leistung besteht immer aus drei Verpflichtungen:
- Geschenke machen
- Geschenke annehmen
- Geschenke erwidern
Sich zu weigern, diesen Verpflichtungen nachzukommen, käme
einer Kriegserklärung gleich, da man dadurch gleichsam Freundschaft und
Gemeinschaft verweigert.
Der Austausch kann alles umfassen – Nahrung, Familie, Besitz, Arbeit,… – und wird zu einem ständigen Geben und Nehmen zwischen verschiedenen Individuen, Clans, Generationen usw.
Der Austausch kann alles umfassen – Nahrung, Familie, Besitz, Arbeit,… – und wird zu einem ständigen Geben und Nehmen zwischen verschiedenen Individuen, Clans, Generationen usw.
Dieses System gibt es offensichtlich auch heute noch in vielen
Kulturen, wenn auch in abgeschwächter Form. Insbesondere im östlichen Raum
gibt es ähnliche unausgesprochene Verpflichtungen, vor allem die Gastfreundschaft betreffend.
Bei Bekannten aus Eritrea und Jordanien, die jetzt in Deutschland wohnen, fällt
mir immer wieder auf, wie viel Wert in ihren Kulturen darauf gelegt wird: Kommt
man zu Besuch, wird sofort Tee und Gebäck angeboten, ein höfliches „Nein, danke“
wird selten akzeptiert und scheint die Gastgeber tatsächlich zu kränken; auch
Erklärungen, wie etwa dass man gerade erst gegessen habe, sind wirkungslos. Sie
sind es gewohnt, dass ein solches Angebot ganz selbstverständlich angenommen
wird, genauso wie sie selbst als Gast nie ablehnen würden, wenn man ihnen etwas
anbietet. Es geht nicht darum, ob man vielleicht hungrig ist oder gerade
sowieso Zeit zum Kaffee trinken, sondern einfach darum, den sozialen Kontakt,
die Beziehung, zu pflegen und das freundschaftliche Band durch diesen einfachen
Akt auszudrücken.
Literatur:
Mauss, Marcel: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990, S. 20-25,S. 36-44.
Mauss, Marcel: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990, S. 20-25,S. 36-44.
Freitag, 4. Dezember 2015
Sherry B. Ortner: Verhält sich weiblich zu männlich wie Natur zu Kultur?
Ortner betrachtet in ihrem Text den untergeordneten Status
der Frau in der Gesellschaft.
Dieser soll vorrangig in Hinblick auf menschliche Universalien untersucht werden, d.h. auf „Faktoren, die sich in der Struktur der allgemeinsten Situation aller Menschen, gleich welcher Kultur, finden“ (S. 121) – dazu gehören zum Beispiel der physische Körper und der Verstand.
Dieser soll vorrangig in Hinblick auf menschliche Universalien untersucht werden, d.h. auf „Faktoren, die sich in der Struktur der allgemeinsten Situation aller Menschen, gleich welcher Kultur, finden“ (S. 121) – dazu gehören zum Beispiel der physische Körper und der Verstand.
Den Beweis dafür, dass eine Kultur Frauen als unterlegen
ansieht, können 3 verschiedene Typen von Daten liefern:
- Elemente einer kulturellen Ideologie und Aussagen von Informanten, die Frauen explizit abwerten und ihnen in ihren Rollen und Aufgaben weniger Prestige als Männern einräumen
- Symbolische Verfahren, die als implizite Aussagen über geringeren Wert interpretiert werden können
- Soziostrukturelle Ordnungen, die Frauen von der Teilhabe an oder vom Kontakt mit einem Bereich ausschließen, in der die höchsten Autoritäten der Gesellschaft angesiedelt zu sein scheinen
Die Begründung für die niedrigere Stellung der Frau sieht die
Autorin darin, dass Frauen als der Natur
näher stehend gesehen werden, während Männer eher mit Kultur in Verbindung gebracht werden. Dadurch übertrage sich das
Verhältnis zwischen diesen beiden Zuständen auf das zwischen Männern und
Frauen: Genau wie Kultur das Ziel verfolgt, sich von der Natur abzugrenzen und
sich diese unterzuordnen, werden die Frauen den Männern untergeordnet.
Diese Ansicht, dass die Frau eher mit der Natur identifiziert
wird, ergibt sich vor allem aus folgenden spezifischen Eigenschaften:
- ihre Physiologie:
der Körper der Frau ist darauf ausgerichtet, Kinder zu gebären, dadurch ist sie „zur bloßen Reproduktion des Lebens verdammt“ - ihre
soziale Rolle:
die Frau ist durch ihre Rolle als Mutter stärker an das häusliche Umfeld gebunden und leistet ihren (kleineren) Beitrag zur Kultur durch Erziehung der Kinder -
ihre Psyche:
die Frau neigt beispielsweise dazu, subjektiver, pragmatischer und bodenständiger zu sein
Literatur:
Ortner, Sherry B.: "Verhält sich weiblich zu männlich wie Natur zu Kultur?" (1974), in: Kulturtheorie. Bielefeld: transcript 2010, S. 117-135.
Ortner, Sherry B.: "Verhält sich weiblich zu männlich wie Natur zu Kultur?" (1974), in: Kulturtheorie. Bielefeld: transcript 2010, S. 117-135.
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